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    Veröffentlicht: 11.09.2019
    CH

    Sandel: Klein, lebendig und etwas verschlafen


    Das Kirchspiel Sandel hat nur etwa 25 Einwohner – Zusammenleben verändert sich
    Der Mittelpunkt von Sandel: Die Bushaltestelle mit dem Fahrradabzweig zum Sandeler Padd, die Kirche versteckt hinter hohen Bäumen, zu ihren Füßen das Marionettentheater.   ©CHRISTOPH HINZ
    Der Mittelpunkt von Sandel: Die Bushaltestelle mit dem Fahrradabzweig zum Sandeler Padd, die Kirche versteckt hinter hohen Bäumen, zu ihren Füßen das Marionettentheater.   ©CHRISTOPH HINZ
    SANDEL
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    Über kleine Dörfer gibt es eine Menge positiver Vorurteile. Wahrscheinlich hat das kleine gallische Dorf der Asterix-Comics Schuld daran. Die Einwohner gelten als eigensinnig, herzensgut, wehrhaft und solidarisch. Die Lebensqualität im kleinen Dorfkosmos wird gern mit heimelig und idyllisch beschrieben. Und gern wird ihnen in Zeichentrickfilmen ein Denkmal gesetzt.


    Das jeversche Dorf Sandel nahe der ostfriesischen Grenze ist möglicherweise schon 1000 Jahre besiedelt. Genau weiß das keiner, die Wehrkirche aus dem 13. Jahrhundert auf einer hohen Wurt hat etwas von einer Burg. Wer so dicht bei den Ostfriesen siedelte, hatte wohl gute Gründe für einen sicheren Rückzugsort. Es gab hier immer Bauern rund um die Kirche. Das ist heute noch so. Landwirtschaftliche Betriebe bestimmen das Ortsbild. Es gibt ein historisches Schulmeisterhaus, einen wunderbar hohen und sehr alten Baumbestand, ein Marionettentheater und eine Hundeschule. Es scheint so, als läge Sandel im Scheitelpunkt der Straße, die aus Cleverns in den Ort führt und in Richtung Sandelermöns wieder hinaus. Einkaufsmöglichkeiten gibt es nicht. Aber eine Bushaltestelle mit einem Wartehäuschen. Einige Leerstände auf etwas ungepflegten Grundstücken fallen auf. Aber auch, dass immer jemand hinein oder hinaus zu fahren scheint.


    Sandel hat zurzeit etwa 25 Einwohner. Vielleicht waren es früher mehr, aber sicher nicht viel mehr. Als sicher darf auch gelten, dass die Einwohner bis vor einigen Jahrzehnten eine eingeschworene Gemeinschaft bildeten – die Familien kannten sich über Generationen hinweg.


    Aber der Wandel macht auch vor so einem Kleinod nicht halt. Anna Zurborg bestätigt das. Sie ist eine gebürtige Sandelerin, mit ihrem Mann hat sie einen Hof bewirtschaftet, nun ist das Paar im Ruhestand. „Menschen sterben, andere ziehen zu, es ist nicht mehr so wie früher, auch der Umgang der Leute ist heute ein anderer. Aber natürlich bemüht man sich, freundlich miteinander umzugehen.“ Sie will es nicht Entfremdung nennen, aber der Zusammenhalt sei nicht mehr wie einst. Leben möchte sie aber auf keinen Fall woanders. „Dass man zum Einkaufen ins Auto steigen muss, kennen wir ja gar nicht anders, das ist kein Problem.“


    Dass es für sehr alte Menschen in Sandel schwierig sein müsste, weiß Anna Zurborg. Aber es gebe hier gar keine sehr alten Menschen, die allein lebten. Auf dem Hof gegenüber lebten drei Generationen unter einem Dach. Auf Gemeinschaft und Engagement müsse man auch nicht verzichten. Auf die Frage, ob sich der Dorfbürgerverein Sandelermöns und Umgebung in Sandel engagiere, antwortet die Rentnerin: „Wir machen bei denen mit.“


    Vor einigen Jahren schloss der Schafzüchter seinen Betrieb, und eine Hundeschule zog ein, die sich in kürzester Zeit einen sehr guten Namen in der ganzen Region gemacht hat. Dort werden auch hochkarätige Fachvorträge gehalten. Ein Anziehungspunkt. Ein anderer Anziehungspunkt für Menschen von außerhalb ist das „Marionettentheater Famoso“, das Anna Zurborgs Schwester Herma Graaf seit fast 20 Jahren in einem alten Bauernhaus am Fuße der Kirchenwurt betreibt. Ehrenamtlich, aber mit einem durchaus professionellen Anspruch, einem Spielplan und Stücken für Erwachsene und Kinder. Gemeinsam mit Sabine Albers lässt Herma Graaf dort die Puppen tanzen und hat einen magischen Ort der Fantasie geschaffen. Das Publikum dankt es ihr. „Es werden tatsächlich von Jahr zu Jahr mehr Gäste im Theater, das merken wir schon“, sagt Herma Graaf. Auch sie ist eine überzeugte Bewohnerin Sandels, aber auch ihr fällt auf, dass sich der Ort verändert hat.


    „Das Theater und der Hundeschulhof sorgen dafür, dass hier sogar mehr los ist als früher, da kommen schon einige von außerhalb.“ Ob sie den Verkehr gut findet, sagt Graaf nicht. Es ist wie es ist in Sandel. Ein Einwohner erklärt aber über den Gartenzaun hinweg: „Es könnten ruhig etwas weniger Autos sein, die hier unterwegs sind.“ Aber er sagt es, als sei das reine Geschmackssache. Verschlafen ist das kleine Dorf Sandel ja nicht – allenfalls etwas.


    Als es vor wenigen Jahren um die Ansiedlungspläne für Windparks in der näheren Umgebung ging, zog sich ein Riss von Sandelermöns bis nach Sandel. Die einen wollten investieren, die anderen keine Windräder in Sicht- oder Hörweite haben. Schließlich hat der jeversche Rat sich gegen die Windparks entschieden. Aber es sei etwas zurückgeblieben, sagt Folkert Rieniets.


    Er bewirtschaftet seit vielen Jahren mit seiner Familie einen landwirtschaftlichen Betrieb in Sandel. „Vor 20 Jahren hätte mich hier keiner rausgekriegt“, erzählt er. Aber wenn man älter werde, sehe man manche Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Natürlich sei es in Sandel lebenswert, aber im hohen Alter könnte er sich auch vorstellen, zentraler zu wohnen, zum Beispiel in Jever. Allein schon wegen der Einkaufsmöglichkeiten in nächster Nähe.


    Sandel ist ein sehr kleines Dorf. Aber irgendwie wirkt es doch auf eine sehr eigene Art lebendig. Menschen leben gern dort, auch wenn es nicht so ist wie im kleinen gallischen Dorf von Asterix und Obelix. Auch wenn mehr Traffic ist als früher und vielleicht nicht ganz so der dicke Zusammenhalt. Schön ist es allemal dort.